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„Borkenkäfer gehören zum Wald wie die Butter zum Butterbrot“

Mehr als 30 Teilnehmende fanden sich am 10. Juni 2016 in Baiersbronn-Zwickgabel ein, um sich über den Stand des Borkenkäfermanagements im Pufferstreifen des Nationalparks zu informieren und Neues aus der Borkenkäferforschung zu erfahren. Die Exkursion fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wissensdialog vor Ort“ statt.

Unter den Teilnehmenden waren Waldbesitzer(innen) und Forstwirte, Gemeinderäte und interessierte Bürger(innen), Ranger(innen) und Wanderführer(innen), Journalisten und eine Borkenkäferkünstlerin.

 

Bürgermeister Michael Ruf hob eingangs die hohe emotionale Bindung der Baiersbronner Bevölkerung an ihren Wald hervor. Nach dem Krieg und den sogenannten Franzosenhieben habe die Bevölkerung dabei geholfen, den Wald wieder aufzuforsten. Deshalb würden die Baiersbronner ganz klar sagen: „Das ist unser Wald“. Die Menschen hätten zudem nach dem Krieg erlebt, wie innerhalb kürzester Zeit große Waldbestände durch den Borkenkäfer vernichtet wurden. Der Borkenkäfer sei daher immer als Feind angesehen worden, so Ruf. Heute sei es eine wesentliche Befürchtung von Anwohnenden, dass ein durch Borkenkäferbefall geschädigter Wald weniger Schutz vor Hochwasser bieten könnte. Auch sei es für den touristisch geprägten Ort ein Anliegen, das für die Region typische Waldbild unverändert zu erhalten. Mit der Nationalparkverwaltung gäbe es eine gute Verständigung zu all diesen Fragen, die weitere Entwicklung der Borkenkäferthematik bleibe aber dennoch zentral für die Akzeptanz des Nationalparks.

 

Jörg Ziegler, Leiter der Abteilung Wald und Naturschutz im Nationalpark Schwarzwald, machte deutlich, dass der Umgang mit dem Borkenkäfer auch für den Nationalpark von großer Bedeutung sei. Im Borkenkäfermanagement des Pufferstreifens ginge es darum, die an den Nationalpark angrenzenden Wirtschaftswälder zu schützen. Dagegen sei es das Credo in der Kernzone des Nationalparks – und damit auf weniger als 0,3% der Landesfläche Baden-Württembergs - Natur Natur sein zu lassen. Hier trete der Mensch zugunsten einer sich ungestört entwickelnden Natur bewusst zurück. Der damit im Vordergrund stehende Prozessschutz habe kein Ziel, auch nicht das eines schönen Waldbildes, betonte Ziegler.

 

Anders als im Bayrischen Wald, sei im Schwarzwald ein hoher Anteil an Mischbaumarten vorhanden. Daher würde sich ein hoher Borkenkäferbefall im Nationalpark Schwarzwald nicht so stark auswirken wie im Nationalpark Bayrischer Wald, so Ziegler. Die auf Fichten spezialisierten Borkenkäferarten, namentlich Buchdrucker und Kupferstecher, könnten sich im Nationalpark nur auf begrenzten Flächen ausbreiten. Die vom Borkenkäfer befallenen kleinen Flächen erhöhten dann wiederum die Strukturvielfalt.

 

Clemens Erbacher, Koordinator des Borkenkäfermanagements im Kreisforstamt Freudenstadt, erläuterte, wie das Monitoring im Pufferstreifen konkret aussieht. Mindestens 500m betrage der Gürtel zwischen Nationalpark und angrenzendem Kommunal- und Privatwald. Dort, wo der Nationalpark an den Staatswald angrenzt, befinde sich der Pufferstreifen im angrenzenden Staatswald – eine Regelung, die notwendig gewesen sei, um die gesetzlichen Vorgaben zum Flächenverhältnis von Kern-, Entwicklungs- und Managementzone bei einer angestrebten Zielgröße für den Nationalpark von 10.000 ha einzuhalten. Seit Anfang Mai werden die jeweils rund 100 ha großen Suchgebiete der Pufferzone wöchentlich von geschulten Mitarbeitern begangen. Die Kunst sei es, den Befall durch Borkenkäfer frühzeitig zu erkennen, z.B. am Harzfluss oder dem ausgeworfenen feinen Bohrmehl, das sich in den Rindenschuppen der Bäume oder in Spinnennetzen verfängt. Das sei, als würde man die Stecknadel im Heuhaufen suchen, so Erbacher. Um befallene Bäume rasch entfernen zu können, würden Maschinenwege angelegt, wo diese noch fehlen. Da die Wälder von ForstBW nach FSC zertifiziert seien, sei die Verwendung von Insektiziden nicht erlaubt.

 

Die Exkursionsteilnehmer fragten nach und diskutierten mit den Referenten. Privatwaldbesitzer hinterfragten, ob der für das Borkenkäfermanagement betriebene Aufwand und die dafür nötigen Steuergelder gerechtfertigt seien. Auch nach dem natürlichen Gleichgewicht wurde gefragt: Würden die sich entwickelnden Fressfeinde des Borkenkäfers nicht ausreichen, um schwere Schäden zu verhindern? Sei es deshalb vielleicht sogar kontraproduktiv, befallene Bäume so rasch wie möglich herauszuholen? So berichtete ein ehemaliger Revierleiter, dass sich Fichten z.B. durch Erhöhung ihrer Harzproduktion gegen den Borkenkäfer zur Wehr setzen würden. Zudem gäben sie Informationen über den ‚Borkenkäferangriff‘ an benachbarte Bäume weiter. „Mit diesen Fragen, z.B. ob wir befallenes Holz im Wald belassen sollten, setzen wir uns intensiv auseinander“, so Erbacher und Ziegler. Auf einige Fragen gäbe es jedoch noch gar keine  klare wissenschaftliche Antwort.

 

Dass künftig mehr Wissen über die Ausbreitungsdynamik des Borkenkäfers zur Verfügung steht, daran arbeiten Jonas Hinze und Dr. Reinhold John von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden Württemberg (FVA) im Rahmen des Projektes Wissensdialog Nordschwarzwald (WiNo). Anschaulich berichteten sie von ihren Untersuchungen zur Ausbreitungsdynamik des Buchdruckers, der wichtigsten einheimischen Borkenkäferart, und ließen die Teilnehmer einen Blick hinter die Borke befallener Versuchsstämme werfen. An diesen mit Farbstoff markierten Stämmen benetzen sich die Käfer mit Farbe, wenn sie die Stämme verlassen und ins Gelände ausfliegen. Von der Anzahl der Käfer, die in den im umliegenden Gelände aufgestellten Fallen wiederauftauchen, können John und Hinze ableiten, wie sich Borkenkäfer verbreiten. Ziel der Forscher ist es, mit diesen Daten einmal die Gefährdung eines Waldgebiets mit Hilfe von Luftbildern zu modellieren. „Wir staunen immer wieder, wieviel es noch an neuem zu entdecken gibt“, so Ziegler. Eins ist für ihn schon jetzt sicher: „Der Borkenkäfer gehört zum Wald und zum Nationalpark, wie die Butter zum Butterbrot“.

 

Hintergrundinformationen zum Projekt:

 

Der „Wissensdialog Nordschwarzwald“ (WiNo) ist ein gemeinsames Forschungsprojekt der Universität Freiburg und der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg. Als Forschungspartner beteiligt sind die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA), das Öko-Institut e.V. sowie die EVOCO GmbH. Die Verwaltung des Nationalparks Schwarzwald sowie des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord unterstützen das Projekt als Praxispartner. Das Projekt ist eines von mehreren Reallaboren des Landes Baden-Württemberg und wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. Das Besondere dieses Formats ist die enge Zusammenarbeit zwischen Forschenden und regionalen Akteuren, die gemeinsam eine breite Palette an Themen bearbeiten.